Ändern sie sich? 08.05.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

­Während unserer täglichen Routine passiert es nicht häufig, dass wir Zeit übrig haben. Normalerweise sind die Tage, oft auch die Nächte vollgepackt mit Arbeit. Aber hin und wieder bleibt die Zeit stehen. Dieses Mal war der Grund dafür ein junger Welpe, der am Parovirus erkrankt war. Da dies hochansteckend ist, war es besser - wie Ines sagen würde - auf der sicheren Seite zu sein und deshalb wurde entschieden, die Arbeit auf der Krankenstation ruhen zu lassen. Kein Streuner durfte rein oder raus. Der normale Betrieb musste eingestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt kam ich in Kreta an, um Dr. Marga Keyl abzulösen.

Unter diesen Umständen gab es nicht sooo viel zu tun. Mitten im Nichts auf dem Land, mit zwanzig Tieren. Deshalb beschloss ich, mich als Hausfrau zu versuchen. Wie schon erwähnt, bleibt normalerweise nicht viel Zeit und einen Ort mit 20 Tieren in Ordnung zu halten, ist, wie Sie sich vorstellen können, immer recht aufwendig.

Tag für Tag wurde ich besessener von meiner Aufgabe. Ich versuchte den maximalen Grad an Ordnung zu erreichen. Alle Schachteln wurden in Kategorien eingeteilt, mit Etiketten beschriftet und in wieder andere Schachteln gesteckt, die wiederum in größeren Kartons verschwanden. Eine mir bisher unbekannte, paranoide Welt eröffnete sich mir. Jedes Mal, wenn ich ein Teil vom Großen und Ganzen fand, fühlte ich ein unglaubliches Vergnügen, dieses Teil dem von mir beschriften neuen Platz zuzuordnen. Wenn Tiere sprechen könnten, ich weiß nicht, was sie über diesen Wahnsinn sagen würden. Ich verbrachte über zwei Wochen mit Reinigen, Ordnen, Dekorieren, Gartenarbeit und schließlich nahm ich mir die Tonnen-Monster vor.

Diese Tonnen-Monster sind große, blaue Tonnen, die normalerweise Futter und all die Sachen beinhalten, die Leute spenden. Alles, was Sie sich vorstellen können, war darin - Kissen, Decken, Handtücher, Windeln, Blechfutternäpfe.
Langsam packte ich alles in Regale and plötzlich sah ich: Die meisten dieser Sachen waren fast neu. Farbige Bettwäsche, Handtücher mit Babynamen, Betttücher mit Bären und Kühen, die irgendeinem Kind gehört hatten. Jedes einzelne Teil hatte eine Geschichte. Eine Geschichte und eine Person, die trotz etlicher Kilometer Entfernung beschlossen hatte, auf diese Weise zu helfen. Nach den Etiketten zu urteilen, kamen die meisten Sachen aus Deutschland. Klar, dachte ich, die Arche hat ihren Sitz ja in Deutschland.

Aber - wieso bin ich eigentlich immer noch überrascht, wenn ich sehe, dass auch Griechen helfen? Das gab mir zu denken. Wo ist der Unterschied zwischen Griechen und Deutschen? Sind die einen die besseren Menschen? Haben sie reinere Herzen? Warum existiert hier in Griechenland so ein großes Streunerproblem? Warum haben wir hier so eine große Zahl von Tierquälerei? Warum ist der Tierschutzgedanke hier noch so unentwickelt? Ich kann verstehen, warum die Generation meiner Großeltern kein Bewusstsein für den Tierschutz hat, denn zu der Zeit, in der ihr Charakter geprägt wurde, hatten sie selbst mit dem Überleben zu kämpfen. Auch die Generation meiner Mutter - bis zu einem gewissen Alter - wuchs in schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen auf. Können diese Gründe das Fehlen einer Tierethik in dieser Gesellschaft rechtfertigen? Definitiv nicht. Aber sie können es erklären. Was ist mit heute? Ich kam zu dem Schluss, dass die Wurzel des Problems entweder im finanziellen Status des Landes oder aber im Bildungssystem liegt, oder aber in beidem.

Eine gute Ausbildung führt zu Wissen. Wissen führt zu der Fähigkeit richtig von falsch zu unterscheiden. Durch das Erkennen, was richtig ist, wachsen Menschen mit Idealen heran und geben diese an ihren Nachwuchs weiter. Ethik, einmal in die Köpfe gepflanzt, wird der nachfolgenden Generation "transplantiert". Auf diese Weise werden Verstand und Charakter geformt. Daher ist es das Ziel der Arche, diese Lücke so gut es eben geht in Bezug auf den Tierschutz zu schließen. So beispielsweise mit einer bereits veröffentlichten kinderfreundlichen Broschüre über Straßenhunde oder indem man Kindern zeigt, wie sie mit Tieren richtig umgehen. Diese Veränderung mitzutragen ist die Hoffnung der Arche.

Vor einem Monat war ich in einer Schule zu einem Gespräch über Tiere. Ich erkannte, wie tief das Problem ist. Während wir sprachen, entdeckte ich, dass viele Kinder in Familien aufwachsen, in denen die Mutter verbietet, einen Hund zu berühren und sagt: "Nicht - er ist schmutzig."
Oder sie haben einen Onkel, der Hobbyjäger ist und es in Ordnung findet, 8 bis 10 Hunde zu besitzen, die nur einmal pro Woche abgeleint auf die Jagd gehen dürfen und dann, wenn die Saison vorbei ist, ausgesetzt werden, wenn sie nicht gut funktioniert haben.

Wie kann man, ohne 6- bis 7-Jährige zu traumatisieren, ihnen erklären, dass es nicht richtig war, dass ihre Großmutter die Katzen im Garten vergiftet hat, nur weil sie ihr in die Töpfe gepinkelt haben. Wie soll man ihnen sagen, dass ihr Hund nicht gestorben ist, weil er krank war, sondern weil die Eltern kein Geld für einen Tierarzt ausgeben wollten, obwohl sie wussten, dass etwas nicht in Ordnung war. Wie kann man die Weitergabe dieser falschen Bilder und Lebensmodelle an die nächste Generation stoppen? Unzensiert führen diese erneut zu einer Generation von Menschen ohne Bewusstsein und Sensibilität für Tiere.

Hält man dies nicht auf, wird es ewig so weitergehen. Man muss die Mentalität an der Wurzel ändern. Aber wie kann das vonstatten gehen? Indem man mit einem guten Beispiel vorangeht, glaube ich. Indem wir unsere Arbeit fortsetzen und zeigen, dass es einen anderen Weg geben kann. Indem wir Tiere heilen, deren Situation aussichtslos erscheint und beweisen, dass es geht, wenn man sich kümmert. Indem wir aufklären und unsere Arbeit zeigen. Und wenn davon auch nur ein Mensch berührt wird, ist es ein Erfolg, weil es nicht nur diese eine Person erreichen wird, sondern all jene, die jetzt und später mit dieser Person zusammentreffen. Indem wir beweisen, dass eine Gesellschaft mit Streunern leben kann, nicht, indem man die Tiere tötet, sondern indem man sie kastriert und sich um sie kümmert.

Indem wir denen helfen, die helfen wollen und jenen, die Hilfe benötigen. Indem man ein Vorbild ist. Kurz bevor ich diesen Text beende, klingelt das Telefon. Am Apparat ist ein Mädchen, nach der Stimme zu urteilen, circa 13 bis 14 Jahre alt.

"Können Sie mir helfen?", murmelt sie. "Mein Nachbar hat seinen mageren Hund ausgesetzt und sagt, er interessiere ihn nicht mehr. Er heißt Caramello. Ich habe es schon geschafft, dass er ein wenig zugenommen hat, denn ich habe ihn 2 Wochen gefüttert, aber mein Zuhause ist schon voll von Tieren. Caramello braucht ein Zuhause, können Sie helfen?"

Im Stillen sage ich nein, weil auch wir komplett belegt sind und auch wir nach Plätzen für unsere Tiere suchen. Aber wie könnte ich sie enttäuschen? Sie repräsentiert unsere Hoffnung. Unsere Hoffnung, dass eine Veränderung möglich ist. Alles, was sie braucht, ist Orientierungshilfe, so dass sie die Hoffnung nicht verliert, die sie noch in sich trägt. Vielleicht ist sie sich der Grausamkeit in ihrem Umfeld noch nicht bewußt. Alles, was sie braucht, ist eine Hand, die sie führt, bis sie stark genug ist, die Veränderung durchzusetzen, die wir uns wünschen.

"Ich kann nicht, aber ich werde. Wir werden ihn kastrieren und dann werden wir ein Zuhause für Caramello finden", antworte ich ihr.

Enttäuschen wir sie nicht. Sie nicht und auch die zukünftigen Generationen nicht. Starten wir jetzt, indem wir teilen, spenden, ein gutes Beispiel sind, aufklären, uns engagieren, helfen.
Helfen Sie uns zu helfen. Antonia Xatzidiakou, griechische Tierärztin im Team


mehr Tierschutzgeschichten

unsere Einsatzberichte

Spenden
Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin


Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Geschichten

Kreta und Rhodos - Kampf gegen die Ohrmilben

Ich hatte das Glück, Anfang des Jahres zweimal beim Förderverein Arche Noah Kreta e.V. Praktikum machen zu dürfen. Im Januar war ich mit Nina auf Kreta, dem Herzstück der Arche, und im März mit Antonia auf Rhodos, bei einem ...


mehr lesen

Diese verdammte Stille

Er wusste genau wie spät es ist. Immer zur selben Zeit fand er seinen Platz frühmorgens inmitten der Katzen. Immer vor der Tür der Futterkammer. Immer genau unter unserem Fenster. Und wehe wir waren mit der Fütterung nicht schnell ...


mehr lesen