Denver 14.04.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Wenn die Tierärzte des Tierärztepools irgendwo arbeiten, bedeutet das nicht, dass nur kastriert wird. Es bedeutet nicht, dass es nur darum geht, den Nachwuchs zu verhindern, die anonyme Masse zu verringern.

Es geht auch um die Einzelschicksale. Um die, die nun einmal da sind. Warum auch immer.

Es geht um eine erstklassige medizinische Betreuung der Hilflosen, die sich einen Besuch bei einem Tierarzt nie leisten könnten. Wie denn auch, denn die, in die Hoffnungslosigkeit geborenen Straßentiere, kommen ohne Portemonnaie auf diese Welt.

Wir werden nicht fragen: He, Zwerg, hast Du Geld? Kannst Du Dir die OP leisten? Bezahlst Du Deine Medikamente? Nein, wir heben Denver aus der grauen Anonymität heraus. Wir geben ihm einen Namen. Wir machen ihn wertvoll, alleine dadurch, dass es ihn gibt. Wir versprechen ihm Heilung, eine Zukunft ohne Schmerzen. Warum? Weil wir es können.Ines Leeuw

Die "zweite" Eröffnung der Klinik in Rethymnon wurde für "Den" zu einem rettenden Anker.
"Den wer?", fragen wir uns, als wir seine Geschichte erzählt bekamen.

Autounfall. Der Klassiker auf Kreta. Mit unserer Frage erhielt der Zwerg seinen Namen, obwohl wir ihn noch gar nicht angeguckt hatten. Denver war unvorsichtig gewesen. Logisch, denn welche Hundemutti warnt ihre Welpen schon vor der Geschwindigkeit heranrasender Autos? Aber vielleicht hatte "Den" ja auch gar keine Mama mehr. Wer weiß das schon? Auf jeden Fall sollte das Glück in seinem jungen Leben eine große Rolle spielen. Ein anderer Autofahrer nämlich, verfolgte den Unfall und auch "Den", als dieser schreiend im Gebüsch verschwand. Unter anderen Umständen hätte hier, sterbend an einer Sepis oder an Unterernährung, sein junges Leben ein schreckliches Ende gefunden. Durch den netten Griechen aber, der "Den" aus dem Unterholz zog und ihn zum örtlichen Tierschutzverein brachte, änderte sich sein Schicksal. Der Kollege vor Ort übernahm die Erstversorgung, aber wie es halt immer so ist, sind die Möglichkeiten, leider auch die finanziellen, schnell erschöpft. Wie schön, dass es, etwas abseits von Rethymnon, seit Kurzem eine Gemeindepraxis zu Kastrationszwecken gibt, in der deutsche Tierärzte arbeiten, die sich sicherlich um verletzte Zwerge kümmern werden.

Und ab hier beginnt die Geschichte, die uns alle angeht. Unsere/seine Geschichte, die Denver zu einem einzigartigen Lebewesen werden lässt. Die durch unsere Spender die Tür der Hilfe immer offen hält. Wir werden nicht fragen:

He, Zwerg, hast Du Geld? Kannst Du Dir die OP leisten? Bezahlst Du Deine Medikamente?

Nein, wir heben Denver aus der grauen Anonymität heraus. Wir geben ihm einen Namen. Wir machen ihn wertvoll, alleine dadurch, dass es ihn gibt. Wir versprechen ihm Heilung, eine Zukunft ohne Schmerzen. Warum? Weil wir es können. Weil wir Hand in Hand mit den örtlichen Tierschutzvereinen arbeiten, weil wir eine großartige Vernetzung auf Kreta aufgebaut haben, weil Futter, Medikamente und Unterbringungsmöglichkeiten verfügbar sind. Weil wir einen Verein hinter uns wissen, dessen Förderer uns genau deshalb unterstützen - damit wir helfen können.

Denver kann sich nicht bedanken. Er ist noch zu klein und spricht nicht einmal unsere Sprache. Aber er hat einen Blick, der Steine zum Erwichen bringt, er hat eine winzige weiche Zunge mit der er uns seine Dankbarkeit auf unsere Hände leckt und er hat ein zauberhaftes Wesen.
Und ab jetzt sogar eine eigene Schwester. Schwester Christina Schomann...

Wir werden alles tun, damit sein winziges Leben erhalten bleibt. Wenn wir schon zu spät waren, es zu verhindern, dann entlasten wir unsere Schuld zumindest damit, dass wir ihn zu einem kleinen König werden lassen.

Ein König, der noch ein wunderbares Leben vor sich hat, der toben und spielen wird, der schmerzfrei und nie wieder hungernd seine Zukunft genießen kann. Denver ist das erste schwer verletzte Tier, für dass die Gemeindepraxis in Rethymnon zu seinem Lebensretter wurde. Wir bedanken uns für das Vertrauen, welches uns von den örtlichen Tierärzten, den Tierschutzvereinen und auch von den Bürokraten entgegengebracht wird.

Die Amputation wird nicht leicht werden, denn Denver ist abgemagert und wiegt nicht einmal zwei Kilo. Aber es muss sein. Nach täglichem Spülen kommt immer noch eine stinkige Flüssigkeit aus der Wunde. Die Metatarsalknochen liegen alle frei und sind völlig durcheinandergewürfelt. Sein Unterschenkel ist ebenfalls gebrochen. Auch hier liegt der Knochen frei.

Christina wird die Narkose überwachen und seinen Herzschlag spüren. Wie bei jedem Patienten ist es unser erstes Gebot, schnell und sicher zu arbeiten. Wenn aber Verliebtheit mit im Spiel ist, Gefühle durch den Katheter mit injiziert werden, dann lässt sich eine gewisse Nervosität nicht leugnen. Christina ist nervös. Ich auch. Aber wir sind Denvers letzte und einzige Chance.

Außerdem drückt ihm jeder der hier Anwesenden die Daumen, denn wer ihm einmal in die Augen geschaut hat, ist verzaubert. Und mit diesem Bericht und den Fotos sind wir uns sicher, dass die Zahl der Daumendrücker stündlich steigen wird.

Zwei Tage später: Denver hat es geschafft. Christina auch. Beide waren sehr tapfer. Der zerfetzte Klumpen Fleisch ist ab und Denver wird leben. Zwar nur auf drei Beinen, aber wen stört das schon? Ihn auf jeden Fall nicht, denn er läuft inzwischen durch unseren Garten, als wäre nie etwas Schreckliches passiert. Er war so tapfer und wird sich nun bei uns erholen, Kräfte sammeln und wenn es soweit ist, ein schönes Zuhause finden.

Danke, dass es den Förderverein Arche Noah Kreta e.V. mit seinen Unterstützern gibt. Danke, dass wir dadurch nie fragen müssen, ob "es sich lohnt". Danke, dass wir durch Sie die Kraft erhalten, tagtäglich Leben zu retten, oder im besten Fall, verhindern können.
Bitte lassen Sie uns auch in Zukunft nicht im Stich.
Ihre Ines Leeuw


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