Die Reservebank 12.09.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Viele Fäden des Tierärztepools laufen bei ihr zusammen. Obwohl die meisten nicht laufen, eher humpeln. Sie ist die Schnittmenge, der Notnagel, die Reservebank. In Deutschland. Sie kümmert sich um die Bestellungen, die Tiere, die in der Vermittlung stehen, um die Touristen, die auf Kreta ein Tier gefunden haben und Hilfe brauchen, um die Vereinsmitglieder, die Texte, die Fotos für die Homepage, eben all das, was ein Verein so leistet, von dem aber niemand etwas sieht. Die meisten zumindest nicht. Jetzt zieht Melanie sich den Mundschutz an und das Skalpell aus seiner sterilen Verpackung. Dann beginnt sie mit der Kastration und verschließt den Nabelbruch, anschließend folgt die Amputation der zerschmetterten Hintergliedmaße. Still, ruhig, konzentriert. Ihr Laptop ist aus. Das kommt selten vor, denn Melanie organisiert alles, zu dem Thomas und Gregor oder auch Kerstin, die Kassenwartin des Vereines, keine Zeit haben.

Nina Schöllhorn ist in Rumänien. Oft stehen die beiden Tierärztinnen und Freundinnen in diesen Tagen in Verbindung, denn Nina geht auf dem Zahnfleisch. Ihre letzte sms an Thomas: "so anstrengend wie bei diesem Einsatz war es schon lange nicht mehr".
Sie hat einen Hund gefunden. "Imani"! In einem Tierheim. Hoffnungslos ihrem Schicksal in einer winzigen Box ausgeliefert. Aber Nina wäre nicht Nina, wenn sie nicht alles in Bewegung setzen würde, um jedem Leben eine Chance zu geben. Imani hat die Staupe überlebt. Sie hat den Unfall überlebt. Sie wird die Hautpilzinfektion irgendwann abschütteln. Und sie möchte leben! Die Augen von Nina begegnen in diesen Sekunden denen von Imani. Nichts ist zwischen ihnen. Nina spricht ihre Sprache. Sie versteht den Hilferuf. Sie begreift, dass auch Imani mit genau diesem Blick verstanden hat, dass diese Tierärztin das letzte Schiff auf dem Weg in die Hoffnung ist.

Nina bekommt eine Gänsehaut. Wie schon tausend Mal in ihrem Leben. Dann greift sie eilig zur Tastatur ihres Computers.
"Kann ich Dir einen Hund schicken?", fragt sie Melanie, die am anderen Ende nicht nach der Größe, nicht nach dem Aussehen, nicht nach der Rasse fragt. Sie fragt überhaupt nichts, denn sie weiß, dass Nina nicht ohne Grund um Hilfe bittet.
"Du musst sie aber bei Dir zuhause aufnehmen, sie kann noch lange nicht vermittelt werden", ist das letzte, was Melanie liest. Eine weitere Kommunikation ist nicht notwendig, denn jeder weiß, dass er sich auf den anderen verlassen kann.
Das "Danke" am Ende der Mail kommt von Herzen. Melanie kennt dieses Gefühl von den eigenen Einsätzen, in denen sie selber ähnliche Imanischicksale gefunden hat. Nun wird organisiert und telefoniert. "Wie ging das früher, als alles noch nicht so gut organisiert war?" fragt sie sich und versenkt das Skalpell in der Haut von Imani`s Bein.

Die Kleine kam mit dem nächsten möglichen Transporter. Sie war schwach, aber die Augen, die einst Nina entzückten, schauen nun Melanie an. "Kannst Du mir helfen?", fragt ihr Blick und ihre Zunge leckt über den offenen Stumpf, der nach dem Unfall der Rest von ihrem Bein geworden ist. Melanie kann helfen. Sie bindet konzentriert die Gefäße ab, die zu einem Blutverlust führen würden. Dann schneidet sie einen Muskel nach dem anderen durch. Zuletzt kommt die Säge zum Einsatz.

Imani ist jetzt schon zwei Wochen bei ihr. Hat in Melanies Badewanne die Behandlungen gegen ihren Hautpilz ertragen, über sich ergehen lassen und am Ende sogar genossen. Seit ihr Haarkleid angefangen hat, sich über die kahlen Stellen zu schieben, sieht Imani auch schon wieder richtig nach Hund aus. Melanie hat die Amputation nach hinten verschoben. Erst einmal musste der Wurm zu Kräften kommen.

Heute ist es soweit. Der letzte Akt in einem Drama nimmt Abschied. Genauso wie der Klumpen Fleisch, der im schwarzen Sack verschwindet. Nina ist inzwischen auch wieder zurück aus Rumänien. Die beiden Kolleginnen werden heute Abend telefonieren. Als erstes wird Nina nach Imani fragen und Melanie wird ihr erzählen, dass alles gut lief. Dann wird über Ninas Reise gesprochen, über komplizierte Diagnosen, über jede Menge Arbeit über den Hund A und den Hund B. Am Ende fragt Melanie: "Und wie geht's Dir eigentlich?" "Passt schon", ist die knappe Antwort ihrer Freundin. Dann ist das Gespräch beendet. Fast so wie die Operation, deren Ergebnis nur noch verschlossen werden muss. Anschließend wacht Imani auf weichen Decken aus der Narkose auf. Neben ihr liegt Mata, Melanies eigene Hündin, auch einst aus Rumänien gerettet. Mata spürt instinktiv, dass ihre Nähe jetzt gebraucht wird. Obwohl ihr Welpen eigentlich viel zu quirlig sind, leistet sie hier ihren wertvollen Beitrag zur Beruhigung der Kleinen. Auch Melanies Sohn wird Wache halten und ihr mit seinen drei Jahren erklären, dass sie das nächste Mal besser auf Autos aufpassen muss.

Er muss das machen, denn seine Mutter sitzt bereits wieder am Computer. Probleme in der Türkei, den nächsten Einsatz betreffend sind aufgetreten.
Außerdem benötigt das Agrarministerium der Kapverden die übersetzten Approbationen der anreisenden Tierärzte. Es eilt.
Auch Gregor braucht Bilder von der Operation für die Homepage.
Samuel streichelt Imani über den Kopf und erklärt ihr, dass das wichtig ist, was seine Mama da macht. Kindesgerecht erklärt er es und wir glauben, dass Imani es versteht.

Die ganze Geschichte von Imani::

Imani - Hoffnung auf ein neues Leben


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