Jagdsaison 24.10.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Schon ganz früh morgens schnappe ich mir die Hunde, um die Kühle des beginnenden Tages für einen ausgedehnten Spaziergang zu nutzen. Chip, unser kleiner Schäferhund mit 40 kg Lebendgewicht, Salto und Shoshoni sind dieses Mal mit von der Partie. Um diese Uhrzeit finde ich die Insel am schönsten. Der Himmel verfärbt sich langsam rosa, bescheint die Berge und taucht alles um sich herum in ein wunderschönes Licht. Diese frühen Morgenstunden erscheinen so friedvoll, so natürlich und unberührt. In Gedanken versunken folge ich den Hunden, die ebenfalls die Kühle genießen. Plötzlich erklingt ein ohrenbetäubender Lärm. Erst wird ein Schuss abgefeuert, dann folgt eine ganze Kaskade. Shoshoni verkriecht sich im Gebüsch, Chip würde am liebsten auf meinen Arm springen. Unser ausgedehnter Spaziergang wird durch diesen Vorfall stark verkürzt.

Shoshoni ist jetzt nicht mehr mit Geld und guten Worten von dem Sinn eines Spazierganges in gefährlicher Umgebung zu überzeugen. 40 kg Chip ziehen in Richtung Hütte, in der es sich solange versteckt bis das Unheil vorbei ist.

Die frühen Morgenstunden werden also nicht nur von mir genutzt, um Ruhe und Frieden zu finden, sondern herzlose Menschen haben diese Zeit und die Kühle des Morgens für sich reserviert, um arme unschuldige Mitgeschöpfe ohne Sinn und Verstand abzuknallen. Erwachsene Männer werfen sich in Tarnhose und Tarnhemd, tragen ein Gewehr, dass sie kaum halten können und zielen nicht nur aus Spaß auf Straßenschilder oder Blitzer, sondern sie erlegen kleine Vögelchen, die bequem in meine Handfläche passen würden.

Essbar sind sie danach auf keinen Fall, da der kleine Körper durch die Wucht der Munition in 1000 Teile zerschmettert wird. Sie sind stolz auf ihre Jagdausbeute und brüsten sich mit dem Tod kleiner harmloser Tiere. Zu dieser Zeit haben die Hunde dieser Menschen vielleicht etwas Glück und dürfen frei laufen. Den Rest des Jahres sind sie kleine Verschläge gepfercht und warten darauf, dass ihr Herr Zeit fürs Töten findet. Sie genießen die ausgedehnten Wanderungen durch die Umgebung und denken oftmals nicht zu ihrem Besitzer zurückzukommen. Das kann ihnen zum Verhängnis werden, denn der Jäger braucht einen treuen Hund und keinen Flüchtigen. Aber wie soll das der Hund denn wissen, wenn er tag aus tag ein eingesperrt ist und sich keiner mit ihm beschäftigt. Die Gunst der Stunde nutzend würde doch jeder von uns, auch erst einmal seine Freiheit genießen. Doch leider ist Ungehorsam hierzulande für einen Hund oftmals ein Todesurteil.

Nicht nur die süßen kleinen Vögelchen fallen diesen gedankenlosen Menschen zum Opfer. Oft wird es auch als Erfolg empfunden, andere Tiere zu erledigen.

Auf anderen Ausflügen mit den Hunden fanden wir nicht nur Patronenhülsen jeglicher Art, sondern auch eine zerfetzte Taube, eine tote Katze und einen verletzten Hund. Tolle Ausbeute. Oftmals bleibt für uns die traumatische Geschichte unserer Pflegetiere für uns verborgen und lassen sich nur erahnen, aber viele lassen sich später durch herausoperierte Kugeln erklären.

Meinem eigenen Hund Shoshoni habe ich vor Jahren einen Kugelsplitter, der sich zwischen ihren Augen befand, entfernt. Chip wurde verängstigt von Tierschützern gefunden. Anfangs verkroch er sich bei jeder schnellen Handbewegung. Von einem aufrechten Gang konnte man nicht sprechen. Geduckt und immer auf der Hut bewegte er sich langsam und vorsichtig in seinem Auslauf. Seine Augen signalisierten nur Angst. Eine alte Fraktur im Schädelknochen läßt auf eine schlimme Vergangenheit schließen, über ich vielleicht gar nichts Näheres wissen möchte, um mein Seelenheil nicht ganz zu verlieren.

Mittlerweile ist er ein fröhlicher und aufgeweckter Hund, der gar nicht so schnell wedeln kann, wie er sich freut. Gut zu jedermann und verspielt genießt er die Spaziergänge und springt in die Luft vor lauter Freude. Die Schüsse in unserer Nähe lassen ihn wieder zu einem Nervenbündel werden. Ich denke, dass sagt genug über seine Vergangenheit aus. Schade ist auch, dass es Jahre gedauert hat bis er zu dem Hund zurückkehren konnte, der er vielleicht ehemals war oder zu dem er werden sollte.

Eine andere Schäferhündin wird zu uns gebracht. Meine Kollegin Antonia hat Verwachsungen in ihrer Bauchhöhle gelöst. Sie hat sehr viel Blut verloren. Ursache: Schrotgewehrkugeln.
Heute ist sie hier, um ihren Oberschenkelkopf zu entfernen. Bei dieser Operation werden gleichzeitig viele kleine Schrotkugeln aus ihren Oberschenkelmuskeln und Gesicht entfernt.
Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Wie viele Schrot- und Luftgewehrkugeln haben wir schon entfernt? Wir haben eine ganze Sammlung zu Hause.

Warum? Ein Souvenir? Nein, wir wollen nicht vergessen! Wir wollen uns an jedes einzelne Tier erinnern, dass zu einem Opfer wurde! Wir wollen an jedes einzelne Tier denken, dass so eine Erfahrung machen mußte. Sie alle brauchen nach so einem traumatischen Erlebnis, Liebe und Zuwendung und wenn das Vertrauen zu ihnen zurückgekehrt ist, ein liebevolles Zuhause.

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