Maiko 28.09.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Spät abends bekam Verena aus Heraklion noch einen Notruf von einem Touristenpärchen aus dem Süden der Insel. Sie hätten eine kleine verletzte Katze gefunden. Das rechte Hinterbein ist schlimm zugerichtet und braucht so schnell wie möglich ärztliche Behandlung. Verena, die nie verlegen ist ihre Hilfe anzubieten, schlug sofort vor, die Katze zu ihr zu bringen. Und so begann die Reise von Maiko aus Lentas im Süden Kretas über Heraklion nach Kalives im Nordwesten der Insel. Als Verena das verletztes Kätzchen sah, war klar, dass da sofort Handlungsbedarf bestand. Das Bein war stark angeschwollen und von der geruchlichen Belastung für den Kater und uns wollen wir lieber gar nicht sprechen. Was Verena aber noch viel mehr Sorgen bereitete war, dass der kleine Straßentiger nicht fressen und nicht trinken wollte. Außerdem war er schon recht ausgetrocknet.

Jenny, die gerade versuchte Urlaub zu machen und Verena's rechte Hand ist, wurde mit Maiko und einigen anderen Patienten zu uns geschickt und eine weitere zweistündige Reise begann. Christina öffnete die Katzenbox und ein rotes stinkendes Etwas fiel ihr in die Arme. Schwach aber zielstrebig fand er Christina's Arm und kuschelte sich in ihre Armbeuge und nuckelte. Leise schnurrte er vor sich hin, um sich selbst zu beruhigen. Diese ersten 2 Sekunden haben ausgereicht, um alles menschenmögliche für ihn tun zu wollen, damit er sein Leben behalten kann. Das Bein war eine Katastrophe. Ein einziger stinkender Eiterhaufen. Er hatte über 41°C Fieber und nun waren wir nicht mehr erstaunt, dass er nicht fressen und trinken wollte.

Wie konnte der kleine Kerl, damit so lange gelebt haben, ohne mit an einer Blutvergiftung zu verenden. An eine Operation war im Moment nicht zu denken. Wir legten ihn an den Tropf und gaben ihm viele Medikamente, die die Infektion im Körper bekämpfen und die Körpertemperatur in den Normalbereich bringen sollten. Wir wollten ihn in seine Box legen, damit die Medikamente in Ruhe wirken konnten. Maiko hatte sich aber in seinen Kopf gesetzt, noch ein bisschen bei Christina zu bleiben.

Auch wenn ihm das nicht bei der ersten Gelegenheit gelingen sollte, fand er immer wieder Gründe, Christina dazu zu bewegen, den Tropf zu kontrollieren, den Infusionsschlauch zu entwickeln, ihm sein Bett neu zu richten oder einen Leckerbissen für ihn anzuschleppen.

Was soll ich sagen? Nach nur einer Stunde hatten uns 1 kg Katzenkind voll im Griff.
Immer wieder sind wir verwundert, wie viel Kraft so ein kleiner verletzter Körper ausstrahlt, wie zäh er an seinem Leben hängt. Nachdem Maiko sich ein paar Tage erholt hatte, waren wir zuversichtlich, dass er die Op überstehen würde. Nachdem das Fieber gesunken war, fraß er wie ein Scheunendrescher und nahm sogar ein bisschen zu.

Nun waren wir alle aufgeregt, als der Op-Termin feststand. Christina konnte die Nacht zuvor kaum schlafen und auch ich machte mir Sorgen, um die Infektion im Bein. Am nächsten Morgen schlief Maiko sanft mit Christina's beruhigender Stimme im Ohr ein. Als ich den ersten Schnitt im gesunden Gewebe setzen konnte, machte ich darunter eine entsetzliche Entdeckung. Die Entzündung zog in den Muskelsträngen weiter nach oben, als vorerst angenommen. Die Muskeln waren schon gelblich verfärbt und zogen hinauf bis zum Hüftgelenk. Es dauerte länger als geplant jede infizierte Muskelfaser zu entfernen und das Bein mußte höher amputiert werden als gewollt.

Maiko wachte langsam aus der Narkose auf, war auf ein weiches Kissen gebettet und wurde von Christina gestreichelt. Jetzt hieß es wieder Daumen drücken, das jedes infizierte Stück Gammelfleisch entfernt werden konnte, ansonsten würde die unliebsame Infektion wiederkommen. Glücklicherweise hat Maiko sich an unsere Angaben gehalten und der Heilungsverlauf war bilderbuchmässig.
Ich bin froh, dass diese Touristen ihn zum richtigen Zeitpunkt gefunden haben! Ich bin froh, dass Verena nie ihre Hilfe versagt und ein unerschütterlich gutes Herz hat.
Ich bin froh, dass sie nie nein sagen kann. Ich bin froh, dass Jenny kein Weg zu weit ist, um uns hilfsbedürftige Tiere zu bringen und sie einfach ihren Urlaub ignoriert.
Ich bin froh, dass Christina unsere Katzenmama ist und mit ihren ständigen Zwiegesprächen mit unseren Schützlingen, ihnen noch eine Extraportion Lebenswillen einhaucht.
Ich bin froh, dass Maiko so ein zäher kleiner Kerl ist, den so eine Infektion und Operation nicht aus der Bahn wirft.

Für uns ist es immer wieder ein kleines Wunder, mitzuerleben, wie ein so kleines Tier so eine Operation wegsteckt, als wäre er eben mal auf den Nachbarbaum geklettert. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl miterleben zu können, wie er sich um seine eigene Achse dreht, mit uns schmust, schnurrt und sein verletztes und nun amputiertes Bein ignoriert. Mittlerweile flitzt er mit unserer anderen Katzengang draußen herum. Sein Spieldrang und seine Lebenslust sind ungebrochen. Auch Olivenbäume werden von ihm erklommen, ohne langsamer zu sein als seine vierbeinigen Kollegen. Um sein Leben perfekt zu machen, suchen wir für ihn und viele andere in unserem Katzenkindergarten, das Zuhause. Eine Familie, in der Maiko, etwas Besonderes sein darf, genauso wie bei uns.

Derzeit sammeln wir Spenden, um die Operationskosten von Maiko rückwirkend zu decken. Mehr Info gibt es auf der entsprechenden Betterplace-Seite


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Ines Leeuw
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