Neujahrsgruß 2019 - etwas verspätet 12.01.2019 Gedanken

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Der Himmel über Kreta ist pechschwarz. Gleich wird es schütten, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Thermometer rutscht zwar nur sehr selten an die 0 Grad Grenze, aber auch das ist unangenehm in Anbetracht der hier sonst herrschenden Temperaturen. Erst recht, wenn man kein Fell hat.

Glauben Sie mir bitte, ich hätte alle Gründe der Welt, diesem Land den Rücken zu kehren, aber es wäre eine Schande. Griechenland hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Die politische oder wirtschaftliche Lage möchte ich hier absichtlich ausklammern, aber das Denken und das Verständnis für die Umwelt und damit auch für den Tierschutz haben sich verändert. Natürlich noch nicht überall und an jeder Ecke spürbar, aber gerade die jüngere Generation ist um Vieles bemühter.Thomas Busch

Ich sitze auf der Liegefläche unseres Hundehauses. Draußen toben Thora und Gabbana wie wild im Hundeauslauf. Rüber über die Steine, rauf auf die Holzklötze. Gabbana führt. Sie hat den Ball, den Thora ihr stibitzen möchte. Was für ein wunderschöner Anblick!

Von hier aus sende ich Ihnen einen leider etwas verspäteten Neujahrsgruß mit einem riesigen Dank für Ihre zu Weihnachten geleisteten Hilfe. Darf ich mich im Namen des gesamten Arche Teams dafür ganz herzlich bei Ihnen bedanken?! Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ist uns bewusst.

Das alles hier um mich herum haben Sie dadurch ermöglicht. Die betonierten Zwinger, die dicke Isolierung unter dem Dach, die einzelnen Wasseranschlüsse und Stromleitungen für jeden Zwinger. Eigentlich sind es gar keine Zwinger, eher hundezweckmäßige Wohnzimmer. Mit Emporen und warmen Körbchen. Draußen der traumhafte Hundeauslauf. Wir haben Sicherheit mit Geborgenheit versucht zu vereinen. Weiterhin haben Sie ermöglicht, dass wir 11.151 Tiere unfruchtbar machen konnten. Dass wir in mehreren Länder eine nahezu permanente Präsenz zeigen konnten.

Viele Tierschicksale konnten wir zum Guten wenden, von denen wir Ihnen einige, aber lange nicht alle, vorgestellt haben.

Und noch viel wichtiger: Sie geben uns mit Ihrer Spende Vertrauen. Und die Hoffnung, dass wir weiterhin auf Sie zählen können. Dass wir träumen und unsere Ideen ausbauen dürfen. Je mehr wir zeigen können, dass die Kastrationen der EINZIGE Weg sind, die Leine des Leids zu durchtrennen, dass es mehr Sinn macht, das Elend gar nicht erst entstehen zu lassen, als es zu verwalten, desto mehr Menschen finden zu uns.

Silvester auf Kreta erlebten wir im Tiefschlaf, weil wir bis 21:00 Uhr operierten, aber dafür wird uns „Silvester“ einige Wochen begleiteten. Er liegt schräg unter mir und beobachtet mich ängstlich. Bei jeder meiner Bewegungen verspannt sich sein klapperdürrer und von Räude geplagter Körper und er fängt an zu zittern. Den Blick von mir abgewendet. Berühren kann ich ihn noch nicht, selbst mit einer duftenden Kaustange kommt nichts, außer Angstäußerungen.

Silvesters Rippen heben und senken sich. Schneller, wenn ich ihn anspreche. Langsamer, wenn er sich beruhigt hat. Das Monster „Mensch“ neben ihm soll er nun akzeptieren, wo ihm doch andere Zweibeiner Angst einflößten. Was hat man ihm nur angetan? Ich verhalte mich ruhig, anders als Thora, die es gerade geschafft hat, Gabbana den Ball abzuluchsen.

Selten reicht meine Zeit, um mich um Einzelschicksale zu kümmern. Der Vorsitz eines inzwischen doch recht etablierten Tierschutzvereins verlangt andere Aufgaben von mir. Nicht schlimm, aber die Tage an der Front sind immer mal wieder nötig, um zu dem zurückzufinden, was mich einst aufstehen lies, um denen zu helfen, die gerade zitternd neben mir liegen. Ich werde mit Silvester arbeiten, ihn daran gewöhnen, keine Angst mehr haben zu müssen. Ihm zeigen, dass eine menschliche Hand Wärme schenken kann, statt Gewalt. Ich weiß, dass ich ihn in wenigen Tagen berühren kann, dann erst werde ich ihm Blut abnehmen um zu schauen, was für winzige Plagegeister in ihm leben, um, wenn nötig, die entsprechenden Behandlungen einzuleiten. Erst danach darf er zu den anderen in den Auslauf.

Gabbana und Thora werden dann aber hoffentlich schon vermittelt sein, denn beide sind wieder gesund. Ich kann mich noch genau an Gabbana erinnern, als sie zu uns kam. Eine riesige Wunde klaffte an ihrem Hals. Entzündet, verkrustet, verschwartet und handflächengroß. Ein Tierschutzverein auf Kreta wusste nicht mehr weiter und brachte sie zu uns. Das passiert hundertfach pro Jahr. Und genau dafür haben wir die Station gebaut. Thora sollte eingeschläfert werden. Von einem Kollegen aus Chania. Wie schade, dass manch Tierarzt die Hoffnung so schnell aufgibt. Die Euthanasie ist die letzte Antwort auf die Frage der Kosten, der Intensität der Pflege und die viele Arbeit.

Liebe Lesenden, tun Sie mir jetzt aber bitte einen Gefallen, verunglimpfen Sie nicht das ganze Land. In den Kommentaren bei Facebook , Twitter und auch in vielen Gesprächen sind schnell 11 Millionen Buhmänner gefunden, sprich alle Griechen. Das ist völliger Blödsinn. Eine fehlerhafte Verallgemeinerung ist schmerzhaft für all die Menschen, deren Herz am rechten Fleck schlägt. Antonia ist Griechin, sie ist eine der emphatischsten Menschen überhaupt, sie operiert bis zum Umfallen. Überdenken Sie bei Ihren Äußerungen bitte die möglichen Folgen einer allgemeinen Verurteilung. Wir arbeiten mit endlos vielen Griechen zusammen, finden immer häufiger ernstgemeinte Sorgen um das eigene Tier, aber auch für Straßentiere. Sehr viele Einheimische füttern und pflegen Kolonien von Katzen und bitten immer häufiger um die Kastrationen. Genauso haben wir zig Kollegen kennengelernt, die es ernst meinen mit dem Tierschutz. Die das Studium nicht absolviert haben, um als Amtstierarzt deplatzierte Machtspielchen zu betreiben, sondern um eine ernstgemeinte Zusammenarbeit bemüht sind. Wenn Sie etwas mit Ihren Zeilen bewirken möchten, bemühen Sie sich bitte, gezielter vorzugehen und die verbalen Attacken gegen die zu richten, die die Verursacher oder Verhinderer sind. Verallgemeinerungen folgen Stammtischargumenten und sind kontraproduktiv.

Glauben Sie mir bitte, ich hätte alle Gründe der Welt, diesem Land den Rücken zu kehren, aber es wäre eine Schande. Griechenland hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Die politische oder wirtschaftliche Lage möchte ich hier absichtlich ausklammern, aber das Denken und das Verständnis für die Umwelt und damit auch für den Tierschutz haben sich verändert. Natürlich noch nicht überall und an jeder Ecke spürbar, aber gerade die jüngere Generation ist um Vieles bemühter. Ich war gerade auf den Kapverden. In der Hauptstadt habe ich endlos viele Streuner sehen müssen. Fahren Sie mal über Kreta. Sie sehen kaum noch Straßenhunde. Vor 20 Jahren war es hier ähnlich wie heute in Praia. Die Kastrationen zeigen Wirkung und die Aufklärung ebenso. Viele Privatleute halten verantwortungsbewusst Hunde oder Katzen, die Tierarztpraxen werden bei Problemen aufgesucht, man geht mit seinem Hund Gassi. All das gab es vor 20 Jahren so gut wie nicht. Sicherlich täuscht das nicht darüber hinweg, dass es immer noch reichlich Probleme gibt, aber die haben wir in Deutschland auch. Schauen Sie mal auf den Müll an manchen Autobahnabfahrten, wo umweltignorante Menschen ihren Abfall einfach aus dem Fenster werfen. Haben wir inzwischen unseren Plastikwahn im Griff? Darf ich an die Massentierhaltung erinnern?

Thora guckt mich fragend an. Sie ist wunderschön, jung und schlau. Als sie kam, war sie ein Schatten ihrer selbst. Haut und Knochen und Leishmaniose positiv. Ja und? Mit allen (Vorsichts-) Maßnahmen, um die Krankheit nicht weiter zu übertragen, hat auch Thora ein Recht zu leben. Hier bekommt sie es. Hier unter den vier, im Sommer Schatten spendenden Olivenbäumen.

Für heute ist das Training mit Silvester beendet. Ich möchte ihm nicht zu viel zumuten. Jeden Tag erleben wir in kleinen Schritten Besserung, sowohl physisch als auch psychisch. Kleine Schritte, bis wir aus diesem Häufchen Elend einen traumhaften Hunde gemacht haben, der mit etwas Glück bald in ein nettes Heim einziehen darf. So machen wir es ständig. Rund um die Uhr. 365 Tage lang bis ich in einem Jahr vielleicht wieder hier sitze und mein Glück über Ihre Hilfe fast gar nicht glauben kann.

Vielen, vielen Dank für Ihre großartige Unterstützung und Ihnen ein frohes neues Jahr.
Thomas Busch


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