Rumänien - Land der Auffanglager 30.12.2015 Gedanken

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Dieser Text ist ein Auszug aus unserer aktuellen Veröffentlichung, dem "Report #25".
Das gesamte Heft kann hier geladen werden: Link zum Report

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Ein langer Arbeitstag liegt hinter mir und es fällt mir schwer die Gedanken zu ordnen, die durch meinen Kopf schwirren. Vor wenigen Minuten starb ein Hund in meinen Händen. Dies ist an sich leider kein seltenes Ereignis, diesmal aber doch. Die einzige Zeit der Entspannung am Tag, ist für mich das spazieren gehen mit meinen Hunden. Doch heute geschieht das Unerwartete. Meine eigene Hündin verscheucht einen Straßenhund und dieser läuft vor Schreck auf die Straße. Noch immer höre ich den lauten Aufprall. Ich nehme den sterbenden Körper von der Straße und halte ihren Kopf der Hündin, bis das Leben aus ihr weicht. Ich erstarre bei den Worten die ich unbewusst an sie wende: "Es tut mir unendlich leid, aber sei froh, denn Du hast es hinter Dir. Dir bleibt so vieles erspart." Wie komme ich zu solchen Worten?

Die Chance, als Hund in Rumänien ein glückliches Leben zu führen ist verschwindend gering. Als Kettenhund ein armseeliges Dasein zu führen ist sicher nicht besser, als als Straßenhund jeden Tag ums Überleben kämpfen zu müssen. Und ein Leben im Tierheim? Tierheim. Orte die diesen Namen verdienen gibt es hier äußerst selten. In aller Regel haben wir es mit Auffanglagern zu tun. Dies sind die städtischen Sammelstellen für überzählige Hunde. Es gibt sie verteilt über das ganze Land. Es sind viele, sehr sehr viele. Ich habe sie zur Genüge besucht und das Grauen, das dort herrscht hat Abstufungen, ist jedoch immer so unfassbar, so unerträglich, dass ich weiß, dass meine Worte nicht vermögen wider zugeben, wie schlimm es dort wirklich ist. Der Sinn dieser Anlagen ist einzig sich der Sache Hund möglichst kostengünstig zu entledigen. Die Grundbedürfnisse der Inhaftierten sind nicht im geringsten gedeckt. Es ist ein Sterben auf Zeit, ein Siechtum. Ob es letztlich Krankheiten sind, die ihnen irgendwann das Leben auslöschen, ob es der Hungertot ist, der sie einholt oder ob sie sich in ihrer Verzweiflung gegenseitig umbringen, die einen sind schwächer, die anderen halten länger durch, doch das Ende ist letztlich das selbe. Wozu müssen sie dann so lange leiden? Wo ist der Sinn? Sieht denn keiner wie sehr sie leiden?

Wie fühlt es sich an, wenn man seit Tagen nichts zu essen bekommt und der Hunger einen fast ohnmächtig werden lässt?
Wie fühlt es sich an, wenn trotz sengender Hitze der Napf trocken bleibt und einem vor Durst schon schwarz vor Augen wird?
Wie fühlt es sich an, wenn man vor Kälte zitternd auf nassem Betonboden liegt und kein Auge zu tut die ganze Nacht?
Wie fühlt es sich an, wenn man von seinen Artgenossen auf engstem Raum so unterdrückt wird, dass man sofort attackiert wird, sobald man sich nur ein bisschen bewegt?
Wie fühlt es sich an, wenn man so voll Angst ist, dass der ganze Körper zittert und bebt, sobald man seinen Peiniger Mensch sieht?
Wie fühlt es sich an, wenn man schwer krank ist und einem keiner hilft?
Wie fühlt es sich an, irgendwann einsam zu sterben ohne dass irgendjemand Notiz davon nimmt?Nina Schöllhorn

Ich kann nicht verstehen, dass sich scheinbar keiner diese Fragen stellt. Das keiner sich auch nur einen Moment lang in die Lage dieser Hunde versetzt. Denn wer dies tut, der kann solche Zustände keinesfalls hinnehmen. Doch diejenigen, die diese Lager erschaffen, verschwenden offensichtlich nicht ihre Zeit mit solchen Gedanken. Für sie zählt nur der eigene Profit, das eigene Wohl. Sie haben und werden diese Orte nie betreten.
Doch was ist mit den Menschen die dort arbeiten und Tag ein Tag aus dieses Elend vor sich sehen. Wie können sie dies ertragen? Nun, es sind einfache Leute die dort arbeiten. Sie selbst führen ein hartes Leben. Sie finden keinen anderen Job, deshalb machen sie diesen- nicht weil sie Hunde mögen. Sie selbst sind frustriert vom Leben, haben Aggressionen in sich aufgestaut. Da bleibt kein Platz für Mitgefühl, so scheint es.

Das Arbeiten an solchen Orten des Grauens verlangt uns unendlich viel ab. Es kostet sehr viel körperliche und psychische Kraft. Wir arbeiten unter härtesten Bedingungen, in Kälte oder Hitze, in beissendem Gestank, umgeben von ohrenbetäubendem Gebell. Doch das schlimmste ist das Wissen von hunderten armseeligen Gestalten umgeben zu sein, die dringend Hilfe brauchen. So sehr wir uns auch bemühen, es wird immer zu wenig sein was wir leisten. Wir werden immer diejenigen vor Augen haben, die unsere Hilfe nicht erreicht. Diese Gewissheit ist schwer zu ertragen. Frustrierend ist an solchen Orten auch das Bewusstesein, dass wir nur ein Symptom bekämpfen. Denn die Ursache liegt doch in der unkontrollierten Vermehrung der Besitzerhunde. Natürlich setzen wir deshalb dort an und unsere Hauptaufgabe ist es ungewollten Nachwuchs erst gar nicht entstehen zu lassen und somit den endlosen Zufluss an Hunden in diese Lager zu stoppen. Doch sollten wir diese Orte deshalb erst gar nicht betreten? Ist dies nicht völlig sinnlos?

Ich sage Nein. Wann immer Hilfe offensichtlich so dringend nötig ist, sollte es unsere Pflicht sein zu helfen. Es geht nicht nur um die einzelnen denen wir effektiv helfen. Es geht auch sehr viel um ein Statement. Es geht darum zu demonstrieren wie viel diese Tiere wert sind, dass es Lebewesen sind mit Bedürfnissen, mit Rechten. Wir zeigen einen humanen Umgang mit ihnen auf, lehnen Gewalt strikt ab. Wir werden nicht müde zu erklären was die Bedürfnisse der Tiere sind. Wie sie versorgt werden müssen. Wir demonstrieren Freundschaft und Zuneigung zu ihnen.

Zunächst begegnen uns nur irritierte Blicke, man scheint uns für absolut sonderbar zu halten. Doch irgendwann werden die Blicke neugierig. Wir sehen aus dem Augenwinkel, wie unsere Methoden des gewaltfreien Umgangs ausprobiert werden. Wir beobachten, wie einem Hund ein Karton als Bett bereitgestellt wird. Wir werden plötzlich darauf hingewiesen, dass es einem Hund nicht gut zu gehen scheint. Einige Menschen regen wir zum Umdenken an und das ist viel wert. Auch wenn es niemals alle sein werden. Doch rettet mir oftmals der eine Arbeiter den Tag, der zum ersten mal einen Hund ruhig anspricht, ihn dann vorsichtig auf den Arm nimmt um ihn so in den Arztraum zu bringen, anstatt ihn wie sonst leider üblich mit der Würgeschlinge über den Platz zu ziehen.
Genauso geht es uns mit den rumänischen Kollegen. Ihre Ausbildung ist schlecht, ihre Motivation oft gering. So werden den tierischen Patienten sehr oft unnötige Schmerzen zugefügt, sehr oft werden Leben durch fachlich völlig inkompetente Behandlungen verpfuscht. Doch auch hier gibt es immer mehr Interesse, immer mehr Nachfragen.
Unsere Präsenz an solchen Orten ist nie umsonst, auch wenn sie uns kräftemässig an unsere Grenzen bringt.

Warum schreibe ich diese Zeilen? Ich arbeite gerade an solch einem Ort und es ist mir ein tiefes Bedürfnis diese himmelschreienden Zustände einfach immer und immer wieder an die Öffentlichkeit zu bringen. Es darf nicht sein, dass dies alles völlig ungesehen geschieht. Zum anderen geht es mir vielleicht darum den Schmerz ein wenig zu teilen und mein Herz dadurch ein wenig leichter zu machen.

Bitte unterstützen sie uns bei unserer Arbeit, um zu verhindern, dass immer neue Leben geboren werden, die dann wie Abfall entsorgt werden und um denjenigen helfend die Hand ausstrecken zu können, deren Leid ansonsten keinen interessiert.

Ihre Nina Schöllhorn
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