Schnell wie der Wind 21.08.2013 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Erfrischend haucht der Wind über unsere Terrasse, auf der das Thermometer die 40 Grad knapp erreicht hat. Er trägt nicht nur eine angenehme Kühle mit sich, sondern auch ein ganz leises Flüstern. Ich kenne dieses Flüstern. Zuerst höre ich immer nur den ersten Buchstaben. Es ist ein "H", gefolgt von einem "i". Ich muss mich nicht konzentrieren und genau hinhorchen, denn ich weiß, was er will. Ich kenne seine Worte, seine Botschaft. Er weiß genau, wo er mich findet. Ich bin immer hier, ich bin immer erreichbar, ich bin immer zur Stelle. Der Wind hat die Neuigkeit in jede Gegend geweht, in jedes Haus, zu vielen Menschen. Jeder weiß, dass ich da bin. In diesem Moment höre ich ein "l" und einen Augenblick später das "f". Dass nur noch das "e" fehlt, weiß ich genau so gut wie der Wind, der mit einem letzten kräftigen Wirbel "Ines" über die Terrasse kreiseln lässt. Ich stehe auf und folge seinem Ruf.

Habe ich eine Wahl? Wenn er mich ruft, muss ich zur Stelle sein, ansonsten verliert irgendwer, irgendetwas, irgendjemand den Kampf. Der Wind und ich, wir sind Partner. Seit langem schon. Während ich Carrie den Verband abwickle, erzählt Brigitte mir ihre Geschichte. Es sind die Geschichten, die mich langweilen, da sie immer die Selben sind. "Vom Pick up gefallen", "hinterher geschliffen", "auf sie geschossen", "so etwas habe ich noch nie gesehen". Auch Brigitte scheint gelangweilt, denn auch sie ist eine gute Freundin des Windes. Somit füllt Carrie unsere Asservatenkammer mit abgestorbenen Hautlappen und ich verschwinde in den Tiefen meines medizinischen Labyrinthes. "Wenn die Haut abstirbt, kann ich von oben einen Lappen transplantieren, der den Muskel und den Knochen...". Weiter komme ich nicht.

Der Wind scheppert an die Terrassentür und für einen kurzen Moment bin ich erschrocken. Wieder sind es die Worte: "Hilfe, Ines!" Ich verbinde schnell Carries Wunde und schnappe mir den Autoschlüssel. Carries halb zerfetztes Hinterbein ist nachher auch noch da, aber wer weiß, was für einen neuen Notfall mein Freund, der Wind, gefunden hat. Es ist Lotus, die ein Röntgenbild bei sich trägt. Gott sei Dank hat ein Kollege an ihr schon Dienst getan, riet dann aber zur Euthanasie. "Das kann jeder", säuselt der Wind und begeleitet mich zurück zu meiner Basis. Im Gepäck habe ich einen Hund, der vor Schmerzen schreit und dessen Vorderbein lose hin und her baumelt. Der Wind tanzt und ruckelt an meinem Auto. Verständnisvoll lächelt er mich an, während ich ihm andeute, zu verschwinden, schließlich habe ich einen Schwerverletzten an Bord. "Gib alles..." höre ich noch, und schon ist er weg. ; Er verschwindet hektisch in Richtung Süden und mir wird mulmig. Im Süden gibt es ein Tierheim...

Nun sind es Zwei, die bei mir bleiben und ich ahne, dass sie lange bei mir bleiben werden. Zwei zauberhafte Wesen, die der Wind gerettet und in meine Obhut übergeben hat. Monate werden vergehen, die uns aneinander binden. Den Patienten, den Arzt und den Wind. Monate, die lediglich durch Operationen unterbrochen werden. Tage, die nicht mehr machen können, als Geduld zu beweisen. Stunden, die mit Angst und Sorgen gefüllt sind. Dauerpatienten berühren mein Herz. Ich leide mit ihnen. Ihr Schmerz ist auch meiner. Carries frohes Gemüt scheint den Ernst der Lage nicht zu verstehen. Sie ist immer freundlich und wedelt mich an. Unvorstellbar mit den unsagbaren Schmerzen. Während sie meine behandelnde Hand ableckt gebe ich ihr ein Versprechen. "Du wirst dein Bein behalten". Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, wie schwer die Einhaltung werden wird. Ein multiresistenter Keim hat den Krieg gegen Carrie und mich begonnen und nur unter Aufwendung höchsten Einsatzes winkt uns nach über drei Monaten der Sieg. Carries Bein ist erhalten! Sie wird zeitlebens humpeln, aber in Anbetracht ihrer schweren Verletzung zahlen wir diesen Preis (im wahrsten Sinne des Wortes!) sehr gerne.

Heute rennt sie neben mir her und sogar der Nachbar staunt: "man, die ist ja schon schnell wie der Wind". Wenn er wüsste... Auch Lotus hat ihr Leben behalten können. Allerdings hat sie meine Schmerzmittelreserven empfindlich schrumpfen lassen. Ihr Vorderbein habe ich nicht operiert, es hat mit einem Stützverband nach langer Zeit wieder seinen Dienst aufgenommen. Die ersten Wochen hat sie sich an eine absolute Boxenruhe halten müssen. Wie ein rohes Ei, haben wir ihr die vollgepippelten Decken unter ihrem Körper rausgezogen, in der Hoffnung, dass der Wirbel ja keinen Fehler macht und das empfindliche Rückenmark so einklemmt, dass eine Querschnittslähmung die unweigerliche Folge gewesen wäre. An dieser Stelle darf ich mich auch bei meinen medizinischen Assistenten bedanken, die diesen Job mehrmals täglich machen mussten.

Und plötzlich steht der Wind schon wieder da. Er kennt in diesen Tagen keine Gnade. In seinem Gepäck eine Hündin, die in einem Tierheim dermaßen zusammengebissen wurde, dass selbst mir im ersten Moment die Worte fehlen. Ob Tierheime ohne kompetente Leitung eine Alternative zu dem Elend auf der Straße sind, mag jeder selber beurteilen. Dass das Tier klapperdürr ist und voll mit Zecken, sollte bei der Bewertung aber nicht unterschlagen werden. Ich jedenfalls gebe schnelle Anweisungen, denn für die nächsten Stunden brauche ich Personal. Wie froh bin ich, von topp ausgebildeten Assistenten umgeben zu sein! Alles läuft Hand in Hand. Kaliope sackt nach kurzer Stabilisierung in sich zusammen und ich streife mir die OP-Handschuhe über. Sie in Narkose zu wissen, tut gut, so ist sie wenigstens in den nächsten Stunden frei von Schmerzen. Wenn sie wieder zu sich kommt, habe ich die Wunde gesäubert, zig Mal gespült und zugenäht. Mindestens 6 Hände sind im Dauereinsatz. Dreißig Finger, die über drei Stunden genau wissen, was sie tun müssen. All diese Kandidaten sind bei mir und meinen Helfern während der langen Zeit der Heilung zu einem Teil unseres Selbst geworden.

Wenn aus einem abgeknickten, verdörrten Ast, nach wochenlangem Bangen, eine wunderschöne Rose geworden ist, kann kein Mensch dieser Welt sie weder zurück auf die Straße entlassen, noch zurück in das Tierheim geben. Sie sind aus dem Nebel der Unscheinbarkeit zu etwas Kostbarem geworden. Sie sind unsere Schätze! Und der einzige Grund, sie nicht ein ganzes Leben bei uns zu behalten ist der, dass der Wind nie aufhören wird zu säuseln. Wenn wir nicht aufstehen und dem "H""i""l""f""e"-Ruf folgen, wird aus ihm ganz schnell das Lied vom Tod. Somit werden wir den Wind bitten, unsere drei Rosen, Carrie, Lotus und Kaliope auf seinen Schwingen nach Deutschland zu tragen. Und er möge uns helfen, an jeder Haustür zu rütteln um nach einem endgültigen Platz für das Leben von drei Tieren zu bitten, für die wir gelitten und gekämpft haben.Ihre Ines Leeuw

Die andere Sicht

Schnell wie der Wind!Sie hört ein Flüstern in ihrem Ohr: sei schnell wie der Wind! Schnell wie der Wind! Ihr Körper bäumt sich auf und sie rennt los. Ihre ganze Energie sammelt sich und wird in ihre Beine gepumpt. Sie macht ausladende Schritte, legt die Ohren an, um noch windschnittiger zu sein. Sie läuft, springt, genießt die Schnelligkeit, die sie kontrollieren kann. Sie lacht in sich hinein. Sie hat schon alle anderen abgehängt, macht Freudensprünge. Sie erreicht das Ziel mit Leichtigkeit. Das war nicht immer so. Carrie hat über Monate für diese Momente kämpfen müssen. Lange war nicht sicher, ob sie so einen Sprint jemals wieder erleben könnte. Zumindest nicht mit 4 Beinen.

Sie wurde verletzt vor dem Haus eines Griechen gefunden, ihr rechtes Hinterbein war ein einziger Klumpen Fleisch. Nach der Säuberung und chirurgischen Erstversorgung hätte alles gut werden können. Aber diesmal musste nicht nur gegen den Schmerz und für eine Heilung gekämpft werden, sondern auch gegen einen Unbekannten, der über Leben und Tod und über das Bein entscheiden sollte. Der Unbekannte ist klein (sehr klein), unsichtbar, aber trotzdem ernst zu nehmen: E.coli E.coli sollte nun die nächsten 4 Monate von Carrie´s Leben bestimmen. Tägliche Spülungen, Gabe von vielen verschiedenen Antibiotika, mehrere Operationen, immer wieder Verbandswechsel! Wir erlebten ein Wechselbad der Gefühle. Die Euphorie, die wir erlebten, wenn ; ein kleiner Heilungserfolg sichtbar wurde, wurde abgelöst von der Verzweiflung, wenn wir das Laborergebnis bekamen und wieder E.coli nachgewiesen wurde. E. coli hat am Anfang die Muskulatur am Schienbein in Gammelfleisch verwandelt. Stückchen für Stückchen verlor sie die Muskulatur. Tapfer bewegte sie ihr Bein weiter, trat auf uns lies sich durch ihre nun fehlende Muskulatur nicht aufhalten. Oft standen wir vor der Entscheidung, das Bein abzunehmen.

Ein Blick in Carrie´s Augen, ein Wedeln ihrer Rute lies uns diese Idee wieder verwerfen. Wir alle wollten Carrie´s Bein eine Chance geben. Ihr rechtes Hinterbein reicht nicht mehr für die Pariser Laufstege und erhält auch keine Wow-Rufe. Es sieht dünner aus als das andere und ist durch unzählige Narben gezeichnet, aber es ist Carrie´s Bein, mit dem sie das tun kann, was sie am liebsten tut:LAUFEN!An dieser Stelle möchte sich Carrie und das Team der Arche Noah Kreta e.V. bedanken: bei Apal für die Erstversorgung, bei Dr. Melanie Stehle, die Carrie vor Ort behandelt hat und nun Spezialistin für die Behandlung für E.coli –Keimen geworden ist. ; Sie möchten sich bei allen Helfern bedanken, die mit ihr Spazieren gegangen sind und die ihr ein bisschen den schnöden Alltag versüßt haben. Ein ganz besonderes Dankeschön gilt aber all unseren Spendern, die erst den kostspieligen Kampf für Carrie möglich gemacht haben.


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