Unter Volldampf 19.05.2012 Tierschicksal

ein Bericht von Tierarzt Thomas Busch
Kampfjets donnern über unsere Köpfe hinweg. Libyen ist nicht weit entfernt...Man kann sich angesichts dieser Kriegsentwicklung Gedanken machen, zu welchem Schwachsinn der Mensch in der Lage ist , gerade im Kontrast zu einer der größten Umweltkatastrophen in Japan. Man kann aber auch einfach seinem Tagesgeschehen nachgehen und das machen, was man schon immer tat: von dem unendlichen Leid dieser Welt einen kleinen Teil lindern, auch wenn es sich hierbei „nur“ um Tiere handelt.

So verfolgen wir trotz der donnernden Bedrohung über uns, fast trotzig, unser Ziel: „Kastrationen um Leben zu retten“ Der Fluglärm schwillt ab und wird ersetzt durch das Gebell im Vorgarten. Unser Team besteht seit zweieinhalb Wochen aus den Tierärztinnen Ines Leeuw und Dr. Julia Ricken und unserem Lehrling Roman Zeberl. Die Räumlichkeit, in der gearbeitet wird, ist uns zum ersten Mal zur Verfügung gestellt worden. Beim letzten Besuch arbeiteten wir ein Dorf weiter. Es ist ein hübsches Restaurant, welches zu dieser Jahreszeit noch geschlossen ist. Der Raum ist groß, wir haben viel Platz und können uns ausbreiten.

9:30 Uhr Die Steine, um den provisorischen OP-Tisch auf die richtige Höhe zu bringen, fehlen noch, ebenso wie die Plastikfolie, mit der wir alles abdecken wollen, damit hier nichts durch Blut oder andere Sekrete verunreinigt wird. Wir schleppen das Equipment herein und bereiten alles vor.

9:45 Uhr Eine Dame möchte, dass wir uns das verletzte Bein einer Katze angucken. Ines erklärt ihr, dass es nicht amputiert werden muss, denn die Katze kommt gut damit zurecht. Es handelt sich um einen Plexusabriss – den Abriss eines Nervengeflechts – der eine Lähmung des Beins verursacht.

10:00 Uhr Die Steine und die Folie sind endlich angekommen. Roman hat die komplette Anästhesie vorbereitet und legt unverzüglich den ersten Hund in Narkose. Es ist eine Hündin, die heute Morgen vor einem Supermarkt eingefangen wurde. Sie ist groß und extrem lieb. Wenige Minuten später beugt Julia sich über ihre erste Operation, während Ines rasch einen Kater kastriert. Anschließend legt Roman eine Katze für Ines in Narkose. Sie war bereits trächtig und hätte vier Nachkommen ; geboren.

10:15 Uhr Ines operiert die zweite Katze, die Roman zum Schlafen gezwungen hat. Sie ist nicht schwanger. Dann wird einer Katze, ebenfalls vom Supermarkt, Blut abgenommen. Sie sieht ziemlich mitgenommen aus und Ines möchte schauen, ob sie FIV-positiv ist, also am sogenannten „Katzenaids“ leidet. Der Test fällt glücklicherweise negativ aus. Sie wird an den Tropf gehangen.

10:30 Uhr Julia kastriert die zweite Hündin. Auf Ines warten zwei narkotisierte Rüden – fast gleichzeitig. Roman rotiert. Zwei gut trainierte Tierärztinnen zeitgleich mit Tieren zu versorgen, ist kein leichter Job!

10:45 Uhr Draußen vor dem Restaurant ist die Hölle los. Immer mehr Menschen kommen mit Fallen. Ihre „Jagd“ war erfolgreich. Man kennt uns hier und weiß, dass wir erst dann zufrieden sind, wenn mindestens 40 Tiere unfruchtbar gemacht worden sind. Es sieht nach einer langen Nacht aus, wenn dieser Zustand so beibehalten werden kann. Ines hat derweil ihre dritte Katze kastriert.

11:00 Uhr Man versorgt uns mit Essen. Es wird uns in Häppchenform hingestellt, damit wir uns in kurzen Pausen, immer mal wieder was in den Mund stecken können, ohne wirklich Zeit zu verlieren. Es darf in unserem Ablauf nichts schief gehen, draußen ist einfach zu viel los. Ein Rüde wird für Ines vorbereitet, während Julia ebenfalls nach einem neuen Tier ruft. Roman hat genau darauf zu achten, wann die Tierärztinnen mit ihrer Operation fertig sind, damit zeitgleich ein neues, vorbereitetes Tier auf den Tisch gelegt werden kann. Er weiß, dass nichts schlimmer ist, als sich langweilende, herumstehende und nicht beschäftigte Tierärzte!

11:10 Uhr Julia beginnt mit einem kleinen Rüden, während Ines einen Kater operiert. Die OP eines Katers dauert eine Minute, die Vorbereitung jedoch ca. 10 Minuten. Somit muss Roman umso weitsichtiger arbeiten.

11:15 Uhr Ines nächster Patient ist ein Rüde.

11:20 Uhr Auf Julia wartet eine hoch trächtige Hündin. Sie würde in den nächsten Tagen ihre Jungen gebären. Wahrscheinlich würde keiner überleben oder zumindest das erste Lebensjahr nicht erreichen. Somit fällt uns die Abtreibung nicht sonderlich schwer. Die Tiere, die vor ungefähr einer Stunde operiert wurden, werden wach. Roman zieht die Venenkatheter und gibt sie wenig später an die Menschen zurück, die die nächsten Tage ein Auge auf sie werfen. So können wir sicher sein, dass ein evtl. auftretendes Problem sofort entdeckt wird.

11:30 Uhr Roman hat für Ines eine Katze in Narkose gelegt. Er tastet sie ab und stellt fest, dass sie nicht schwanger ist. Das ist selten in dieser Jahreszeit. Leider dauert die Operation eines trächtigen Tieres länger und leider ist auch der Eingriff belastender, denn die Früchte werden entfernt und damit auch jede Menge Flüssigkeit, was den Kreislauf des Muttertieres belastet. Trächtige Tiere erhalten daher von uns stets eine Infusion, um den Kreislauf stabil zu halten. In der Zwischenzeit macht sich ein übler Gestank im OP-Raum breit. Ein Kater, der eine schlimme Verletzung erlitten hatte und vor vier Tagen von Ines operiert wurde, begleitet das Team seit dieser Zeit. Seine Wundversorgung möchte Ines nicht aus der Hand geben, da das Tier extrem wild ist und bei jedem Verbandswechsel in Narkose gelegt werden muss. Inzwischen lässt er sich aber mit Futter bestechen und gestern gelang der erste Verbandswechsel ohne Narkose!!! Er geht inzwischen auch freiwillig zurück in seine Box (wenn dort Futter auf ihn wartet) Ines hat derweil auch seine Box gesäubert und geht zurück an den OP-Tisch, auf dem nun die Katze auf sie wartet.

11:40 Uhr Ines beginnt mit der Operation der nächsten Katze. Sie könnte die Schwester der vorherigen sein. Julia vernäht geschickt den OP-Schnitt einer Hündin. Leider war auch sie vor der Operation bereits gedeckt worden.

11:55 Uhr Für Ines ist eine Hündin vorbereitet. Sie könnte ebenfalls schwanger sein... Vorher versorgt sie noch schnell einen Rüden in seiner Box im Auto, der mit multiplen Beinverletzungen zur Kastration gebracht wurde. Wegen der sechs-Tage-Antibiose-Gabe begeleitet uns auch dieser Hund. Nach der Antibiotika-Behandlung kommt er zu seinem Heimatstrand zurück. Er ist zauberhaft und wir wissen bereits jetzt, dass es uns schwer fallen wird, ihn wieder zurückzubringen. Doch genau dies ist unsere Arbeit und unsere Überzeugung, hinter der wir voll stehen: den Tieren vor Ort zu helfen, sie zu kastrieren und sie dann wieder in ihre gewohnte Umgebung zu entlassen.

12:02 Uhr Ines beginnt mit der Kastration der Hündin, deren Trächtigkeit sich leider bestätigt. Julia hat ihre Naht abgeschlossen, ihre Worte: „Auf meinem Tisch ist wieder Platz, Roman!“ Es gibt einfach keine Zeit für Pausen. „Die könnte auch schwanger sein...“, antwortet Roman und hievt das nächste Tier unverzüglich auf den vor einer Sekunde frei gewordenen OP-Tisch. Dann grinst er: „Entspann dich... ; es ist ein Rüde...“

12:15 Uhr Julia beginnt mit der nächsten OP. Ines verkündet: „6 wären es geworden.“ Unzählige Helfer bieten ihre Hilfe an. Sie spülen das Besteck, bevor es in die Sterilisation kommt, halten um uns herum Ordnung, stellen die Boxen mit den Tieren, die bereits wieder zu sich kommen, in einen ruhigen Bereich...usw Sobald die Tiere erwachen, geben wir sie nach draußen, wo sie von den Tierfreunden weiter beobachtet werden. Wir haben dafür keine Zeit mehr, werden aber unverzüglich informiert, falls etwas nicht stimmt. Die meisten der Helfer begleiten unsere Aktionen schon seit vielen Jahren und wissen genau über alles Bescheid.

12:30 Uhr Ines beginnt mit der Kastration einer bissigen Hündin. Sie ist nicht größer als ein aufgeblähtes Meerschweinchen, wollte Roman aber töten. Auf dem OP-Tisch stellt Ines einen Nabelbruch fest, den sie selbstverständlich auch operiert. Ein Radioteam steht vor der Tür und möchte ein Interview mit dem Tierärztepool führen und veröffentlichen. Wir lehnen ab, besprechen aber einige zukunftsweisende Ideen.12:45 Uhr Julia beginnt mit der nächsten Operation. Es ist wieder eine Hündin.

12:50 Uhr Es erscheinen zwei Rüden, die ohne Wartezeit unverzüglich an der Reihe sind.

13:30 Uhr Eine kleine Pekinesenhündin ist gefangen worden. Sie ist voll von Zecken. Sie kommt bei Ines auf den Tisch.

14:05 Uhr Leider war es uns an diesem Nachmittag nicht weiter möglich, Sie, liebe Leser, an unserem Tagesablauf teilnehmen zu lassen, denn der Andrang, der draußen noch wartete, ließ keine Zeit mehr für eine Dokumentation im Minutentakt. Wir hoffen aber trotzdem, Sie ein bisschen informiert zu haben.

An diesem Tag wurden insgesamt 22 Hündinnen, 6 Rüden, 16 Katzen und 8 Kater kastriert. 8 andere Operationen rundeten das Ergebnis ab. Unser Tag endete um 23:30 Uhr. Trotz aller Müdigkeit freuten wir uns, dass bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von 10 Welpen pro Jahr pro Weibchen nun ca. 380 Welpen nicht geboren werden. Ein schönes Ergebnis für einen einzigen Tag Arbeit. Von diesen Tagen folgten 17 weitere in Serie...Aus diesem wundervollen Traum könnte Realität werden, wenn man unsere Arbeit endlich auch in Griechenland zuließe?
… Ihr Tierärzteteam


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